Schlesisches Tagebuch von Alfred Theisen
aus "Schlesien heute" Nr. 3/2026
Das zu Sowjetzeiten tabuisierte und geschundene Schlesien hat wie vor 100 Jahren nicht nur wirtschaftlich, sondern auch touristisch Anschluss an Europas Spitze gefunden. In unserer Berichterstattung seit 1998 haben wir diese in ganz Polen voranschreitende atemberaubende
Entwicklung publizistisch begleitet, mit der seit 2000 ständig wachsenden Zahl neuer Luxus- und Schlosshotels, der Aufhübschung sämtlicher Städte und Metropolen bis hin zu den vielen Kurorten vor allem in Schlesien und an der Ostsee, der Modernisierung und dem Bau neuer Museen und Philharmonien, der Sanierung vieler bedeutender Kirchen und Klöster, dem Bau zahlreicher neuer, teils spektakulärer Aussichtstürme, großartiger Fontänen und Wasserspiele, Aquaparks, Restaurants und vieler touristischer Attraktionen bis hin zu den wunderbaren, informativen Miniaturenparks der schlesischen Denkmäler im Riesengebirge oder der Leuchttürme an der Ostsee.
In dieser Ausgabe können wir in mehreren Beiträgen über Tourismus-Rekorde in Görlitz, in Breslau oder auch im Riesengebirge mit dem Hirschberger Tal diese Erfolgsgeschichte dokumentieren. Vor allem Breslau, das Anfang März bei der ITB, der weltweit führenden Tourismusmesse in Berlin, im Mittelpunkt der starken Polen-Präsentation steht, ist längst zu einem der begehrtesten Reiseziele in Polen aber auch europaweit geworden. Dabei lockt das Nachbarland nicht mehr mit Billigpreisen – Hotels und Restaurants haben sich längst dem deutschen Preisniveau angeglichen – dafür aber mit Leistung was Komfort, Bedienung, Kulinarik und attraktive Ausstattung zum Beispiel der oft umfangreichen „sane per aqua“- Zonen angeht.
Schön zu lesen, dass die Deutschen mit Abstand nach wir vor die zahlreichsten Auslandsgäste in Polen bilden und diese große Zielgruppe auch in Zukunft kräftig umworben werden soll.
Mit der guten Information über das Nachbarland lernen viele Deutsche so auch Glanz und Elend der historischen deutschen Ostgebiete und die Geschichte, Kultur und Identität der Polen kennen. Durch die millionenfachen Begegnungen werden Vorurteile abgebaut und den derzeit wieder aufkeimenden nationalistischen Tendenzen entgegengewirkt. Diese werden im Nachbarland leider nicht nur von politischen Rändern, sondern bis hin zu den unsäglichen Reparationsforderungen auch durch Präsident und Regierung genährt. Präsident Karol Nawrocki argumentiert dabei wiederholt populistisch mit der Aussage: die Deutschen haben Hitler an die Macht gebracht, dafür sollen sie jetzt, also im Jahre 2026, auch zahlen.
Die Bundesregierung reagiert klug, in dem sie diesen Diskussionen ausweicht und darauf setzt, dass sich angesichts der Herausforderungen aus Moskau, Peking und nun auch Washington, sowie dem seit 1990 gewachsenen Miteinander im heutigen Polen europäisches
Denken und kein neuer Nationalismus durchsetzen wird. Durch Tourismus und Wirtschaft sind unsere beiden Nationen inzwischen so stark vernetzt, dass aufkeimender Nationalismus
– von wem auch immer – dieses neue Mit- und Füreinander von Deutschen und Polen, wie wir es auch im heutigen Görlitz und in ganz Schlesien erleben, beflecken, aber nicht gefährden kann.
Nicht die Völker, sondern die Unmenschen in den Völkern, die mit Zwangsapparat und Propaganda gegen die Menschen und ihre freiheitlichen Regungen vorgehen, sind die Kriegstreiber. Kollektivschuld-Vorwürfe an Völker, ob Deutsche, Serben, Polen oder Russen, sind zu verurteilen. Auch das ständig vorgebrachte Argument, das die Gewalt die 1939 von Deutschland ausging, nach 1945 wieder auf Deutschland zurückschlug, mag bei der Ursachenforschung eine Rolle spielen, kann aber keineswegs als Entschuldigung dafür dienen, was alles an unfassbarem Bombenterror und Vertreibungsverbrechen zum Kriegsende über die Deutschen hereinbrach.
Die Schuld aus dem deutschen Volk mag unermesslich sein. Unermesslich ist aber auch das Leid das den Deutschen durch Hitler und nach Hitler durch Bombardements sämtlicher längst besiegter Großstädte, Vertreibung, Lager, Deportationen, Teilung und neue sowjetische Fremdherrschaft und Diktatur bis zur Elbe zugefügt wurde. Einzigartig ist auch die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Unrechts aus dem deutschen Volk, die Ahndung von Verbrechen und Wiedergutmachungsleistungen, aber auch seine Rolle als Lokomotive der europäischen Einigung.
Stalin hat mit Hitler den Zweiten Weltkrieg gemeinsam angezettelt und furchtbares Leid über Ostpolen und das Baltikum gebracht. Sowjetisches Unrecht an der Ukraine, allen anderen ostmitteleuropäischen Staaten und an Deutschen ist bis heute vom immer noch imperialen Russland nicht aufgearbeitet, geahndet oder wenigstens symbolisch „wiedergutgemacht“ worden. Hier mangelt es neben der militärischen Abschreckung an der geistigen Auseinandersetzung mit dem ungebrochen imperialen Putin-Russland, dass sich wie einst Hitler und Stalin auch am eigenen Volk schuldig macht.
Die 1989 stark auflodernde Fackel der Freiheit soll das Miteinander von Deutschen und Polen weiter befeuern und auch den Völkern leuchten, die bislang noch in Europa brutal unterdrückt oder wie im Fall der Ukraine durch einen unfassbaren Angriffskrieg in ihrer Existenz bedroht werden.









