Schlesisches Tagebuch von Alfred Theisen
aus "Schlesien heute" Nr. 6/2026
Die positive Nachrichtenflut aus Schlesien und ganz Polen reißt nicht ab. Im Gegenteil strotzen polnische Spitzenpolitiker vor Selbstbewusstsein wie jüngste Auftritte von Außenminister Radosław Sikorski und Donald Tusk bei der „Impact’26“ in Posen zeigten, wo sich der polnische Ministerpräsident mit dem Glamour-Paar Amal und George Clooney präsentierte (S. 34).
Stolz der Bevölkerung im polnischen Niederschlesien ist heute ihre schicke, moderne Bahn in den weiß-gelben schlesischen Farben, oft mit Abbildungen der Heiligen Hedwig oder deren Ehemann Heinrich dem Bärtigen, die durch schöne, sanierte Bahnhöfe von Erfolg zu Erfolg eilt, sowohl was den Ausbau der Strecken wie auch die rasante Zunahme der Fahrgäste anbelangt (S. 35 und 36).
Auch unsere jüngste Leserreise „Wunderbares Niederschlesien“ Mitte Mai vermittelte Impressionen der Superlative, die sich in den 1990er Jahren in der damals ruinierten, vom Verfall gezeichneten und verarmenden Region niemand vorstellen konnte. Doch Schlesien war bereits vor Hitler und Stalin keine notleidende Randprovinz, sondern ein starkes Herz Deutschlands, das zum Beispiel als Region der meisten Adelssitze und Nobelpreisträger galt und in nahezu fast allen Kulturbereichen ob Architektur, Malerei, Literatur, Musik, Philosophie spitze oder sogar führend war und wirtschaftlich mit seiner fortschrittlichen Infrastruktur, dem oberschlesischen Montanrevier, einer blühenden Landwirtschaft und vielen florierenden Wirtschaftszweigen wahrscheinlich die Nummer 1 des Vaterlandes.
All dies wird im heutigen Schlesien durch die hervorragende Präsentation des Schlesischen Museums in Görlitz (S. 50), aber auch durch das Städtische Museum im Breslauer Königsschloss mit seiner einzigartigen Schau „1000 Jahre Breslau“ (S. 44) und nahezu alle anderen, in den vergangenen Jahren modernisierten, Regionalmuseen im polnischen Nieder- und Oberschlesien - von Grünberg bis Kattowitz - dokumentiert. Hinzu kommen spannende Museen im heute zu Tschechien gehörenden, ehemaligen österreichischen Teil Schlesiens, zum Beispiel in Troppau und dem Hultschiner Ländchen. Nicht zu vergessen die starken schlesischen Museen im Rheinland, im Haus Schlesien (S. 54) in Königswinter sowie das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen (S. 49).
Vor 1989 drohte dieses herrliche Schlesien angesichts der Tabuisierung zu Sowjetzeiten, an der sich in vorauseilendem Gehorsam viele deutsche Medien und Politiker beteiligten, zu einer Art „Atlantis“ – einer versunkenen Märchenwelt zu werden, an die mehr oder weniger nur in den Familien und Vereinen der vertriebenen deutschen Schlesier erinnert wurde. Längst noch nicht alle Wunden von Krieg, Vertreibung und Sowjetzeit sind inzwischen verheilt und alles an gegenseitigem Unrecht kann auch nicht in Ordnung gebracht werden, aber dennoch ist diese alte und so fruchtbare Kulturlandschaft Schlesien heute wieder eine der blühendsten Regionen Europas geworden.
Breslau, das Hirschberger Tal, prächtige Schlösser wie Bad Muskau, Moschen, Klitschdorf, Lomnitz, Fischbach, Fürstenstein, Brieg, Oels, Pless, Plawniowitz, Muhrau und viele andere, auch die unglaublich zahlreichen barocken Perlen an Klöstern, Kirchen und profanen Barocksälen sowie die Attraktionen des evangelischen Kirchenbaues, an der Spitze die Welterbe-Friedenskirchen in Schweidnitz und Jauer, machen Schlesien wieder zu einer der attraktivsten Regionen Europas, die den Vergleich mit keiner anderen deutschen, insbesondere süddeutschen, europäischen oder sogar globalen Region zu scheuen braucht.
Wichtiger noch als der unglaubliche wirtschaftliche und zivilisatorische Aufschwung ist dabei das Mit- und Füreinander der Völker im heutigen Schlesien, das in dieser immer zerstritteneren Welt, trotz Hass und Leid im 20. Jahrhundert, eine vorbildliche, stabile Oase des Friedens bildet. Einer der wichtigsten Faktoren für dieses zutiefst europäische Miteinander ist der vieltausendfache, versöhnende Einsatz aus den Reihen der vertriebenen deutschen Schlesier, wie er zum Beispiel auf Schloss Lomnitz, auf Schloss Fürstenstein (S. 7) und Pless oder (S. 34) auch auf Schloss Muhrau bei Striegau erlebt werden kann, wo die bis 1945 dort ansässige Adelsfamilie von Wietersheim-Kramsta mit der vor Ort schon seit 1991 agierenden Zeitzeugin Melitta Sallai (98) eine caritative, völkerverbindende Jugend- und Begegnungsarbeit aufgebaut hat (www.morawa.org).
Ein Nachruf aus Niederschlesien auf den unlängst verstorbenen Reinhard Blaschke würdigt einen weiteren ungemein tatkräftigen Brückenbauer mit großen Verdiensten um Schlesien und das deutsch-polnische Füreinander im heutigen Europa (S. 59). Zu diesem zu wenig von der Öffentlichkeit beachteten Einsatz aus den sich nun allmählich lichtenden Reihen der vertriebenen Schlesier gehört der wahrhaft „wunder“bare, Einsatz der von Gerhard Simon gegründeten Erika-Simon-Stiftung, der jetzt in einer Neuerscheinung eindrucksvoll dokumentiert wird (S. 30).









