Schlesisches Tagebuch von Alfred Theisen
aus "Schlesien heute" Nr. 2/2026
Der unglaubliche Aufschwung in Schlesien und ganz Polen, über den wir nun schon seit vielen Jahren monatlich berichten können, wird 2026 noch einmal an Dynamik zunehmen. Den quälenden Debatten über Defizite und Finanzsorgen der Etats von Bund, Ländern und Gemeinden in Deutschland steht um die Jahreswende eine reibungslose von guten Botschaften begleitete Vorstellung der öffentlichen Haushalte in Polen gegenüber.
Ausführlich berichten wir über den Rekordetat im polnischen Niederschlesien (S. 38), aber in den anderen Woiwodschaften auf dem Gebiet des historischen Schlesiens, in der Kattowitzer Region, im Oppelner und im Lebuser Land sieht es ähnlich gut aus.
Oppeln und Umgebung prosperieren in atemberaubender Weise, was wir in einer der kommenden Ausgaben ausführlicher darstellen werden. Denn hier ist sicher die Präsenz der starken deutschen Minderheit und die Zweisprachigkeit ein wichtiger Wachstumsfaktor, ähnlich wie in Südtirol, das zu den am meisten prosperierenden EU-Regionen gehört.
Ohnehin sprudelt auch diese Ausgabe wieder auch auf den Nachrichtenseiten (S. 6 bis 11) von beneidenswerten guten Botschaften aus dem Nachbarland. Die ohnehin schon größte Wirtschaftszone Europas vor Breslau, wo es 1990 an den Überresten der alten Reichsautobahn nur eine Tankstelle gab, bebt weiter unter großen Investitionen nicht nur des SHEIN-Konzerns (S. 40). 2026 wird dabei Polen noch einmal von milliardenschweren Förderungen aus Brüssel – ebenfalls in Rekordhöhe – profitieren, die dann in den kommenden Jahren stark zurückgehen werden. Dann wird die Stunde der Wahrheit schlagen, wie robust die Wirtschaft Polens heute wirklich ist, zumal auch strukturelle Probleme deutlicher hervortreten werden.
Der Vorteil günstigerer Löhne löst sich langsam auf und mit einer katastrophalen Geburtenrate von derzeit einem Kind pro Frau schrumpft das Humankapital. Schon jetzt leidet die polnische Wirtschaft am Mangel vor allem von qualifizierten Arbeitskräften. Selbst in Deutschland liegt die Geburtenrate bei 1,3 Prozent, aber für eine stabile Bevölkerungsentwicklung ist eine Rate von 2,1 Kindern pro Frau notwendig, die zurzeit kein EU-Land erreicht.
Hinzu kommen Herausforderungen durch den verzögerten, aber dennoch für Mitte der 2040er Jahre beschlossenen Kohle-Ausstieg. Dieser stellt nicht nur im oberschlesisch-galizischen Kohlerevier westlich und östlich von Kattowitz eine Herausforderung dar, sondern auch im gigantischen Braunkohletagebaugebiet in der polnischen Oberlausitz südöstlich von Görlitz, dem bis heute eine fundamentale Rolle bei der Stromversorgung im Nachbarland zukommt. Hier sind allein im polnischen Kreis Görlitz (Zgorzelec) Tausende von Arbeitsplätzen gefährdet und es gibt noch keine Lösungen, um ähnlich wie im deutschen Kreis Görlitz den notwendigen Strukturwandel mit Milliarden-Subventionen abzufedern, die dann nicht mehr aus Brüssel kommen können.
Eine schöne Seite des polnischen Wirtschaftswunders ist die Modernisierung und der Ausbau touristischer Einrichtungen und Museen. So gibt es nicht nur attraktive Hotels und Restaurants (S. 19), sondern eine faszinierende Museumslandschaft vom Königsschloss (S. 44) und Nationalmuseum in Breslau (S. 46) in fast allen Städten Niederschlesiens bis zu den inzwischen so reichen Sammlungen auf Schloss Fürstenstein oder dem jetzt in seiner Dauerausstellung neu gestalteten Gerhart-Hauptmann-Museum im Riesengebirge (S. 12).
Es ist eine Wohltat zu erleben, wie dieser Titan unter den deutschen Literaten heute im polnischen Schlesien dargestellt und gewürdigt wird. Hier schlägt stark das Herz der Freiheit und des europäischen Miteinanders, wie es in den 1980er Jahren die polnische Freiheitsbewegung Solidarität (Solidarność) verkörperte. Diese Werte waren und sind zum Beispiel in Niederschlesien nicht nur in Breslau, sondern bis heute vor allem auch in Glogau (S. 26) und in Liegnitz stark zu spüren, dass auch deswegen Standort unserer diesjährigen Europa-Akademie ist (S. 33).
An diesem Bild des Miteinanders „kratzt“ der Auftritt des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk Mitte Dezember in Waldenburg, der die versöhnenden Worte wenige Tage zuvor von deutschen und polnischen Bischöfen in Breslau, über die wir ausführlich in der Januar-Ausgabe berichtet haben, ignoriert (S. 22). Was würde ein Gerhart Hauptmann denken, wenn ihm eine solche „Piasten-Erklärung“ vorgelegt worden wäre, die viele Jahrhunderte deutscher Hochkultur von Königsberg/Ostpreußen bis Breslau und die brutale Vertreibung von über 12 Millionen Deutschen aus den Oder-Neiße-Gebieten ignoriert? Gottlob hat die, sich wie Gerhart Hauptmann zu Schlesien bekennende, polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk dort in Waldenburg in ihrer Festrede eine andere, an europäischen Werten orientierte Tonart angeschlagen (S.24).









