Schlesisches Tagebuch von Alfred Theisen aus "Schlesien heute" Nr. 1/2026
In dieser Ausgabe können wir auf besondere Neuerscheinungen hinweisen: Den besten bisher erschienenen Dokumentarband zur Eisenbahn im alten Schlesien, was Inhalt und Form anbelangt (S. 20). Weiter ist die erste umfassende Biographie über den langjährigen Reichstagspräsidenten Paul Löbe erschienen, ein großer Sozialdemokrat, Patriot, Paneuropäer und als solcher ein Vorbild für das heute um Zukunft und Frieden ringende Europa (S. 62). Bildlich gesprochen kann man Europa als die Mutter und die Nationen und nationalen Minderheiten, als deren Kinder bezeichnen, auch wenn diese sich manchmal wie Kain und Abel streiten. Aber Fundament oder Hausordnung ist und bleibt die christlich-jüdische Tradition.
Wann ist dies mehr zu spüren als in der weihnachtlichen Festzeit, wenn die Weihnachtsbäume, Krippen und auch Herrnhuter Sterne in den Menschen rational nicht erklärbare Sehnsüchte wecken, sie staunen lassen und die über das Jahr oft so geschundenen Seelen zum Klingen bringen. „Meine Seele auf und singe, hoch in meinem Gott erfreut“ heißt es in einem Weihnachtslied und „Staunen nur kann ich und staunend mich freuen“ in der Deutschen Messe von Franz Schubert. Das Christentum war 800 die Wiege des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und 966 des polnischen Volkes. Über tausend Jahre hat es unsere Völker versöhnend begleitet – von der Pilgerreise Kaiser Otto III. mit Boleslaus dem Tapferen von Sprottau nach Gnesen im Jahre 1000 bis zum legendären Versöhnungsgottesdienst mit Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki, zelebriert von Erzbischof Alfons Nossol, drei Tage nach dem Fall der Mauer am 12. November 1989 in Kreisau. Es sollte auch heute starke Wurzel der Europäer und der deutsch-polnischen Verständigung sein.
Denn auf der einen Seite hat die Bedrohung durch Putin-Russland Deutschland und Polen enger zusammenrücken lassen. Aber auf der anderen Seite ist das deutsch-polnische Verhältnis so schlecht wie schon lange nicht mehr. Das unter anderem vom Deutschen Polen-Institut und anderen wissenschaftliche Einrichtungen betreute Deutsch-Polnische Barometer – www.deutsch-polnisches-barometer.de – zeigt die Sympathien im Nachbarvolk für die Deutschen auf einem Tiefpunkt. Auf der Regierungsebene kriselt es ebenso, wie der jüngste Besuch des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk Anfang Dezember in Berlin zeigte. Ein gefährlicher Keim der Zwietracht sind dabei Reparationsforderungen, die nun auch von der bislang eher als deutschlandfreundlich eingestuften Regierung Tusk übernommen wurden.
Einer der verdientesten Brückenbauer zwischen Deutschen und Polen, der besonders in Polen populäre Kabarettist Steffen Möller, der immer wieder betont wie ähnlich sich Deutsche und Polen eigentlich sind, erklärt im Interview mit der Süddeutschen Zeitung zum Reparationsthema: „Was mich daran rasend macht, ist, dass es diesen Leuten ja gar nicht ums Geld geht. Es geht um Propaganda, um Wählerstimmen, um das schnelle Gift, das sofort in die Köpfe geht. Selbst wenn wir zahlen würden, würden sie uns deshalb ja nicht netter finden."
Ähnlich wie 1965, als unter der Überschrift „Wir gewähren und wir bitten um Vergebung“ zu Sowjetzeiten ein Briefwechsel deutscher und polnischer Bischöfe Historisches leistete, haben sich 60 Jahre später aus Breslau die Oberhirten aus beiden Völkern wieder wegweisend zu Wort gemeldet: diesmal warnen sie davor aus politischer Effekthascherei durch vergangenheitsbedingte Aufrechnungen das Füreinander von Deutschen und Polen zu gefährden (S. 24). Wir dokumentieren den Wortlaut dieser erneuten Botschaft der Bischöfe, die in Deutschland leider nur am Rande wahrgenommen wurde.
Einmal mehr sei darauf hingewiesen, dass nicht nur Polen, sondern beide Völker, auch die Deutschen, Millionen Opfer der verbrecherischen Hitler-Tyrannei und anschließend Stalins zu beklagen haben. Es sind nicht die Völker, sondern die Tyrannen, die Unmenschen in den Völkern, die damals und heute Kriege und Vertreibungen inszenieren. Die Schuld aus dem deutschen Volk wird seit Jahrzehnten in Deutschland aufgearbeitet. Seit den 1950er Jahren wird auch an das polnische Nachbarvolk gezahlt, viele Milliarden durch die Regierungen, private Spenden und Kirchengelder. All das kann und darf nicht aufgerechnet werden, sollte aber als Geste guten Willens im Sinne der Erklärung der Bischöfe wahrgenommen werden.








