Schlesisches Tagebuch von Alfred Theisen
aus "Schlesien heute" Nr. 10/2026
Görlitz hat in diesen Tagen einen Rekord an städtischen Baustellen aufzuweisen – auf den ersten Blick ein Ärgernis für die Bürger und die gottlob wieder zahlreich strömenden Gäste der Stadt. Auf den zweiten Blick jedoch geht von diesen vielen Baustellen eine gute Botschaft aus, denn sie zeigen, wie stark jetzt in die Infrastruktur und die Zukunft von Görlitz investiert wird. Die Rekordsumme von 500 Millionen Euro wird derzeit verplant oder verbaut, und es gibt weitere gute Gründe warum die schöne alte Stadt an der Neiße, lange ein deutsches Jammertal im Osten, heute zu den deutschen Städten mit den besten Zukunftsaussichten gehört (S. 31).
Jenseits aller parteipolitischen Scheuklappen und des fatalen Freund-Feind-Denkens unserer Tage ist diese positive Entwicklung der Stadt ein Verdienst des ohne Schlagzeilen und Wichtigtuerei, aber verbindlich und konstruktiv agierenden Oberbürgermeisters Octavian Ursu, der in Görlitz positive Stadtgeschichte schreibt. An landes- und bundespolitischen Defiziten, zum Beispiel in puncto Bahn, Autobahn und Flughafen kann er ohnehin nichts ändern. Er kann nur neidvoll auf das vor 20 Jahren noch völlig abgehängte Liegnitz (Legnica) schauen, eine niederschlesische Stadt mit einer ähnlichen Größenordnung wie die Europastadt Görlitz/Zgorzelec, die heute durch ein neues Autobahnkreuz S3/A4, Schnellzugverbindungen nach Breslau, Krakau, Warschau und Berlin sowie den rasant expandierenden Breslauer Flughafen über optimale Verkehrsbedingungen verfügt.
Im Wirtschaftswunderland Polen, vor allem in Schlesien, konnten in den vergangenen 30 Jahren unglaublich viele Adelssitze, Museen, Stadtzentren und sakrale Bauten glanzvoll saniert werden. Allerdings ein Koloss tritt immer noch auf der Stelle: Kloster Leubus, das wir ausführlich vorstellen (S. 22). Dieses einstige Zisterzienser- Kloster überrascht den Besucher durch seine Superlative, allein durch seine Größe und der Fülle faszinierender Malereien von Michael Willmann. Der gebürtige Königsberger war einer der bedeutendsten Maler der Barockzeit, der im Kloster Leubus seine intensivste Schaffensperiode hatte und dort sein Grab fand.
Einmal mehr staunt man, was im ausgehenden Mittelalter damalige Baumeister entlang der Via Regia in Schlesien und Galizien mit zum Beispiel den Krakauer Welterbe-Kirchen auf dem Wawel und am Ring samt Altären von Veit Stoß leisteten, die wahrscheinlich für die heute so viel bejubelte „klassische Moderne“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur ein Achselzucken übrig hätten. Nicht weniger als Architektur und Kunst beeindrucken die riesigen Besitztümer der Leubuser Zisterzienser, die als Magnaten ihrer Zeit wirtschaftlich, kulturell und zivilisatorisch maßgeblich den damaligen Aufschwung des Oderlandes unter der Regentschaft der schlesischen Piasten voranbrachten.
Mit den von Leubus aus gegründeten Klöstern in Kamenz, Heinrichsau und Grüssau waren die Zisterzienser die wichtigsten Katalysatoren der damaligen friedlichen Ostsiedlung zu Lebzeiten der Heiligen Hedwig (S. 44), an die das gemeinsame deutsch-polnische Aufbauwerk der vergangenen Jahrzehnte im heutigen Schlesien wieder anknüpft. Allerdings bröckelt heute das wichtigste Fundament des damaligen Miteinanders von Deutschen und Polen, das die Heilige Hedwig vorbildlich seit Jahrhunderten als wichtigste Symbolfigur der deutsch-polnischen Verständigung und Versöhnung verkörpert: Das Christentum als Salz der damaligen friedlichen Ostsiedlung und auch des siegreichen Freiheitsbewusstseins der Solidarność zu Zeiten Papst Johannes Pauls II. ist heute in Deutschland schal geworden, und die europäische Idee droht in einer zunehmend gott- und religionslosen Zivilgesellschaft entkernt zu werden.
Die unzerstörbare christliche Wurzel der Freiheit und die damit verbundene Vitalität und Kreativität sind allerdings heute weiter in der Ukraine sichtbar. Ohne diese Volksfrömmigkeit und Priester, die mutig selbst in den Frontregionen bei Gläubigen und Verteidigern ihres Vaterlandes ausharren, ist dieser überraschend nachhaltige Widerstand des ukrainischen Volkes gegen den nun seit über vier Jahren gezielt auch die Bevölkerung angreifenden russischen Aggressor nicht verständlich. Daher lassen wir in dieser Ausgabe Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine, zu Wort kommen (S. 43).
In Zusammenarbeit mit dem Bautzener Domladen und dessen Partnern in Lemberg möchten wir auch im kommenden Winter die Not der geplagten Ukrainer durch gezielte, konkrete humanitäre Hilfen lindern und sind für entsprechende Unterstützung sehr dankbar:
Spendenkonto:
Ökumenischer Domladen Bautzen e.V., Volksbank Dresden-Bautzen
IBAN: DE33 8509 0000 5626 2110 05
Verwendungszweck: Ukrainehilfe Lemberg
Spendenquittungen werden ausgestellt.
Über entsprechende Hilfstransporte werden wir auch in Zukunft berichten.








