| Der Glockenguss zu Breslau
von Wilhelm Müller
Er hatte schon gegossen, viele Glocken, gelb und weiß,
Und seine Glocken klangen so voll, so hell, so rein,
Doch aller Glocken Krone, die er gegossen hat,
Im Magdalenenturme, da hängt das Meisterstück,
Wie hat der gute Meister so treu das Werk bedacht,
Und als die Stunde kommen, dass alles fertig war,
Da ruft er seine Buben zur Feuerwacht herein:
Will mich mit einem Trunke noch Stärken zu dem Guss,
Doch hüte Dich und rühre den Hahn mir nimmer an,
Der Bube steht am Kessel, schaut in die Glut hinein,
Und zischt ihm in die Ohren, und zuckt ihm durch den Sinn,
Er fühlt in den Händen, er hat ihn umgedreht,
Und läuft hinaus zum Meister, die Schuld ihm zu gestehn,
Doch wie er nur vernommen des Knaben erstes Wort,
Er stößt sein scharfes Messer dem Knaben in die Brust,
Vielleicht, dass er noch zu retten, den Strom noch hemmen kann,
Da eilt er, abzuräumen und sieht - und will's nicht sehn,
Der Knabe liegt am Boden, er schaut sein Werk nicht mehr!
Er stellt sich dem Gerichte, er klagt sich selber an,
Doch keiner kann ihn retten, und Blut will wieder Blut,
Und als der Tag gekommen, da man ihn führt hinaus,
"Ich dank euch", spricht der Meister, "Ihr Herren lieb und wert,
Laßt mich nur einmal hören der neuen Glocke Klang,
Die Bitte ward gewähret, sie schien den Herren gering,
Der Meister hört sie klingen, so voll, so hell, so rein,
Und seine Blicke leuchten, als wären sie verklärt,
Hat auch geneigt den Nacken zum Streich, voll Zuversicht,
Das ist der Glocken Krone, die er gegossen hat,
Die ward zur Sünderglocke seit jener Zeit geweiht,
Wilhelm Müller genannt Griechen-Müller, Schriftsteller, geboren am 07. Oktober 1794 zu Dessau als einziges überlebendes von 6 Kindern einer Handwerkerfamilie, gestorben am 30. September 1827 in Dessau; spätromantischer Lyriker, er wurde berühmt durch die von F. Schubert vertonten "Müllerlieder", darunter: "Das Wandern ist des Müllers Lust", "Am Brunnen vor dem Tore". |