Benjamin Baumgarten, der nach dem II. Weltkrieg ein bekannter Architekt in den USA wurde, zeigt im Jahr 1937 der jungen Ella seine Heimatstadt Breslau.
Von der Sandbrücke aus spazierten Ella und Benjamin eingehakt über den Ritterplatz am Oberlandesgericht, dem ehemaligen Vinzenskloster, vorbei. Benjamin blieb stehen: "Wenn ich hier langgehe, dann muß ich immer einen Blick auf diesen Barockbau werfen. Es ist ein interessanter Anblick, wie sich die Vinzenskirche aus dem 14. Jahrhundert an das Oberlandesgericht anschließt. Das sieht doch originell aus. Der Barockbau und direkt daran angebaut die Backsteinkirche."
Ella pflichtete ihm bei. Sie hatte sich schon daran gewöhnt, daß Benjamin mit seinem Interesse für Architektur fast zu jedem Haus in Breslau eine Bemerkung parat hatte.
"Wenn du an den kommenden Wochenenden nach Breslau kommst, dann können wir soviel zusammen unternehmen", schmiedete er schon die Pläne für die künftige gemeinsame Zeit. "Wir werden den Zoo, der ist nicht weit von meinem Elternhaus entfernt, besuchen. Von der Stadt aus können wir mit der Straßenbahn zum Zoo fahren, sie hält direkt vor dem Tor zum Zoologischen Garten." "In den Zoo würde ich gern mal wieder gehen", stimmte Ella freudig ein, "dort war ich mit meiner Oma zuletzt vor zwei Jahren. Auf einem Kamel sind wir durch den Zoologischen Garten geritten. Zu beiden Seiten trug das Kamel Holzbänke, auf denen wir saßen. Es hat ganz schön geschaukelt." Benjamin lachte: "Das wollen wir wiederholen! Und wir können vom Zoo aus mit der Fähre über die Oder zum Wappenhof hinüberfahren. Das ist ein sehr schönes Ausflugslokal."
"Benjamin, was du alles mit mir vorhast" seufzte Ella mit leiser Stimme und schmiegte sich an ihn. Benjamin schwärmte weiter: "Und den Bau des neuen Parkhotels hinter der alten Schweizerei muß ich dir zeigen. Wir gehen mal abends im Parkhotel zum Essen. Ein ganz schicker, moderner Bau ist das." "Oh, Benjamin", sagte Ella und sah ihn glücklich an, aber sie konnte sich nicht so recht für die Architektur erwärmen. "Im Botanischen Garten möchte ich spazierengehen und die Architektur der Natur erleben. Dort befindet sich so eine interessante Sammlung von Gewächsen aus verschiedenen Gebirgen."
"Gewiß doch, den Botanischen Garten können wir nach einer Besichtigung der Dominsel besuchen; der liegt gleich nebenan. Aber wenn wir draußen in Scheitnig sind, sollten wir im Scheitniger Park spazierengehen. Der Park ist in der Nähe vom Zoo und damit auch von meinem Elternhaus. Ich werde dich meinen Eltern vorstellen."
"Benjamin", unterbrach sie ihn, "doch nicht so schnell."
"Warum? Du hast mich mit deiner Großmutter auch schon bekanntgemacht."
Ella rang nach einer passenden Antwort. Doch ehe sie etwas sagen konnte, hatte Benjamin schon wieder das Wort ergriffen. "Du brauchst keine Angst zu haben. Meine Eltern sind ganz patente Leute. Wie deine Großmutter."
Ella schwieg, ihr war es nicht ganz geheuer, daß Benjamin solche Pläne mit ihr hatte. Sie war der Auffasssung, das Kennenlernen von Benjamins Eltern hätte noch Zeit. Sie kannten sich viel zu kurz. Benjamin merkte, daß ihr das Kennenlernen seiner Eltern nicht recht war und ging nicht weiter darauf ein. So kam er wieder auf sein Lieblingsthema, die Architektur, zu sprechen.
"Dort draußen in Scheitnig steht auch die Jahrhunderthalle. Sie wurde von Max Berg erbaut und ist mit ihrer riesigen Kuppel aus Stahlbeton eines der bedeutendsten Bauwerke der neuen Architektur."
"Benjamin", unterbrach sie ihn mit vorwurfsvoller Stimme.
"Ja", sagte er, "ich habe es schon gemerkt, dich interessiert das nicht so. Trotzdem, du solltest dir mal in Grüneiche die WUWA, die Wohnmustersiedlung aus der Zeit des ´Bauhauses´ ansehen. Alles in der Nähe. Hochinteressant, kann ich nur sagen!"
"Ja, für dich, mich interessiert es weniger. Was heißt denn WUWA?"
"WUWA ist die Abkürung für Werkbundausstellung. Diese Ausstellung über modernes Bauen mit rationellen Fertigungsmethoden fand hier 1929 statt. Die WUWA erhielt internationale Anerkennung. Nur die Konservativen waren entsetzt über so ungewöhnliche Baustoffe wie Beton, Glas, Stahl und artfremde Flachdächer. Sehr gefallen hat mir das Ledigenheim des Architekten Hans Scharoun, der auch hier an der Kunstakademie als ordentlicher Professor gelehrt hatte, bevor er nach Berlin gegangen ist."
Schmollend unterbrach ihn Ella: "Wenn das Wetter schön ist, können wir zum Waldbad Cosel fahren. Das finde ich viel interessanter als all diese Bauwerke von den verschiedenen Architekten."
"Na, gut", sagte Benjamin mit lachender Stimme, "ich sehe ein, daß ich dich nicht für die moderne Architektur begeistern kann."
Sie hatten den Ring mit dem Rathaus in der Mitte erreicht. Benjamin blieb mit ihr vor dem Ostgiebel des Rathauses stehen.
"Schau", fragte er, haben unsere Altvorderen nicht einen guten Geschmack gehabt? Dieser schöne Giebel mit seinen geometrischen Mustern und die Uhr mit Sonne und Mond. Solch ein mit Fialen geschmückter Giebel und das aufgesetzte Maßwerk; sieht das nicht bezaubernd aus?" "Doch, mir gefällt das Rathaus auch", pflichtete ihm Ella bei.
Sie gingen um die Ecke des Ostgiebels und bogen in die Goldene-Becher-Seite ein. Hier war die mit Erkern reichgeschmückte Südfassade des Rathauses. Benjamin blieb wieder stehen. Diesmal vor dem Eingang des Schweidnitzer Kellers. "Dort unten", sagte er und zeigte die Treppe zum Ratskeller hinunter, "ist der Schweidnitzer Keller, der älteste Ratskeller in Deutschland." Ella blickte durch die geöffnete Pforte in den Schweidnitzer Keller hinab.
"Schade", bedauerte Benjamin, "daß wir keine Zeit haben. In den Schweidnitzer Keller müssen wir auf einem unserer nächsten Ausflüge auch noch gehen. In Breslau sagt man: ´Wer nich im Schweidnischen Keller war, der is nich ei Brassel gewesen!´ Dort unten gab es das gute Schweidnitzer Bier, ein Gerstenbier, das aus Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser hergestellt wurde und nur in den Schweidnitzer Kellern der Städte ausgeschenkt werden durfte. Jetzt gibt es dort unten Schöps, ein in Breslau gebrautes Weizenbier."
Ella sah ihn verständnislos an. "So nennt man das Bier im Schweidnitzer Keller. Hier in Breslau gibt es kein KUPFERBERGER GOLD, wie bei euch in der Umgebung und im Kupferberger Ratskeller, sondern Haase-Bier, Kißlings-Bier, Kipke-Bier und Haselbach-Bier. Alles sehr süffige Biere!"
Benjamin verzog genießerisch sein Gesicht. Ella lachte. "Du wirst begeistert sein", fuhr er in seinen Ausführungen fort, "wenn wir dem Schweidnitzer Keller einen Besuch abstatten. Dort sitzen alle Schichten der Bevölkerung. Urgemütlich ist der Ratskeller, in dem Arbeiter, Studenten, Professoren, Handwerker, Intellektuelle und das Breslauer Künstlervolk zusammenkommen. Keiner fragt, wer der andere ist. Das ist das Schöne. Dort unten ist man Mensch! Sehr zutreffend finde finde ich auch einen Spruch an einer Wand im Schweidnitzer Keller, der lautet: ´Wenn mancher Mann wüßte, wer mancher Mann wär, gäb mancher Mann manchmal mehr Ehr.´"
"Benjamin, ich bin so froh, daß wir uns kennengelernt haben. Ohne dich würde ich vieles wohl nie zu sehen bekommen."
Lächelnd sah er sie an: "Es wird schön werden, wir zwei und Breslau."
Er löste sich von ihr und machte einen großen Freudensprung in Richtung Blücherplatz. Dann lief er schnell zu ihr zurück und schloß sie in seine Arme. Kopfschüttelnd beobachteten einige Passanten die Geste seiner Zuneigung. Andere Fußgänger wiederum lächelten. Ella und Benjamin war es egal, sie waren glücklich. Vorbei zwischen dem kastenförmigen Gebäude der Sparkasse und der gegenüberliegenden Börse gingen sie über den Blücherplatz. Mitten auf dem Platz, eingerahmt von vielen Häusern mit Barockfassaden, stand das Denkmal des Marschalls Vorwärts.
Weiter liefen sie eiligen Schrittes, die Zeit drängte, über die Graupenstraße und den Schweidnitzer Stadtgraben zum Freiburger Bahnhof. Es waren knapp 10 Stunden seit Ellas Ankunft am Morgen vergangen. Ella kamen die 10 Stunden sehr lange vor. Die vielen neuen Eindrücke, die sie heute gehabt hatte. Und dazu Benjamins ausführliche Erklärungen über Breslau! Jetzt sah Ella die Stadt mit ganz anderen Augen. Sie war froh, bei ihrer Großmutter so viel Verständnis zu finden.
Benjamin erging es ähnlich. Er war glücklich, ein so nettes und natürliches Mädchen liebgewonnen zu haben, mit dem er in den kommenden Wochen viel zu unternehmen gedachte. Daß seine Eltern mit ihm und seinem Bruder Ende des Jahres Deutschland verlassen wollten, daran mochte Benjamin gar nicht denken. Insgeheim spielte er schon mit dem Gedanken, doch hier in Breslau zu bleiben. Benjamin versprach Ella, sie am kommenden Sonnabend wieder vom Zug abzuholen. Als sie sich verabschiedeten, fiel es ihnen schwer, daran zu denken, daß sie sich eine ganze Woche lang nicht sehen würden.
Leseprobe aus dem Buch " Kupferberger Gold", Seiten 40 bis 43