Der Wassermann an der Hotzenplotz
(Ralph Michael Wrobel)

Im südwestlichen Oberschlesien, begrenzt von Oder und Schelitzer Heide im Norden sowie den Höhenzügen des Gesenkes im Süden, liegt am Flüßchen Hotzenplotz eine besondere ländliche Region: das "Oberglogauer Land".

Um das historisch bedeutende Städtchen Oberglogau herum finden sich zahlreiche Dörfer, in denen noch heute schlesische Bauern auf der Ackerscholle ihrer Vorväter arbeiten. Kulturell handelt es sich um eine ausgesprochene Grenzregion. Deutsche, polnische und tschechisch-mährische Einflüsse treffen hier auf einander. Damit haben Geschichte und Kultur dieser Region eine europäische Dimension.

In diesem Buch werden die Geschichten und Sagen, die Volkslieder und -tänze sowie das Brauchtum aus Oberglogau, Zülz und Krappitz sowie den umliegenden Dörfern umfassend dokumentiert, um sie sowohl für die alten wie auch für die neuen Bewohner dieser Region zu erhalten.

2005, Hartcover, 15 x 21,5; 481 S.
19,90 Euro

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Der Wassermann an der Hotzenplotz
Aus dem Buch:

DER HEILIGE ABEND
Am Heiligen Abend beginnt das Essen, wenn der erste Stern am Himmel steht.
Der Tag ist ursprünglich ein Fastentag. Deshalb wird Fisch gegessen: Karpfen oder Hering in irgendeiner Form. Dazu gibt es "Pastinaktunke", auch "polnische Tunke" genannt (z. B. in Dt. Müllmen). Basis dieser Soße ist die Pastinakwurzel, die der Petersilienwurzel verwandt ist. Außerdem werden zu der Soße getrocknete Pflaumen, Feigen, Rosinen, Pfefferkuchen, Pflaumenmus und eventuell auch Mandeln und Nüsse hinzugegeben.

In anderen Haushalten gibt es zunächst "Grochowka" (Erbsensuppe), dann Karpfen mit Kartoffeln und Sauerkraut (z. B. in Körnitz).
Höhepunkt des Abendmahles sind aber in jedem Fall die "Makówki" (Mohnsemmeln): Schichtenweise Semmelscheiben oder Kuchenstückchen, Mohn, Rosinen, Zucker in eine Schüssel gelegt und mit Milch übergossen. Die Verfeinerung mit Rosinen, Nüssen und Honig war noch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg selten, denn als eigentliches Armengericht galt die Speise als passend zum Fastentag.

Während der Mahlzeit wird mit Hilfe einer Zwiebel das Wetter des kommenden Jahres prognostiziert. Zwölf Zwiebelschalen werden auf den Tisch gelegt und mit Salz bestreut. Je nach der Feuchtigkeit, welche die Zwiebeln nach einer gewissen Zeit zeigen, werden Januar, Februar usw. feucht, trocken usw. (z. B. in Leschnig).

Auch die Haustiere erhalten am Heiligen Abend Brot und Kuchen, denn sie besprechen sich über die Behandlung. Aus Zülz wird berichtet: "Heu durfte man an diesem Tage den Pferden nicht geben, Hafergarben wurden in die Raufen gestampft, während man den Kühen Kleeheu einlegte. Bis zum Erscheinen des ersten Sternes mußten die Stalltüren fest verschlossen sein, nur die Verbindungstür von Kuh- und Pferdestall blieb offen. Niemand durfte mehr die Ställe betreten, denn in der Heiligen Nacht unterhalten sich die Tiere miteinander, und wenn sie jemand belauscht, gibt es ein Unglück."

In Zülz trugen die jungen Mädchen heimlich Fischgräten und Nußschalen unter den Birnbaum. Sie warteten dort, bis ein Hund bellte, denn aus dieser Richtung kam der Freier. Nach dem ersten Weltkrieg schlief dieser Brauch aber ein.