Laetare und Summerstecka
von Bärbel Hein-Weismantel

Der schlesische Winter ist lang, sehr lang und ausdauernd. Ab März legt er sich auf das Gemüt der des Schnees und Eises Überdrüssigen. Die Landschaft, die durch die ersten Frühlingswinde langsam von der weißen Decke befreit wird, erscheint nicht wie hier im Rheinland sofort wieder frisch und grün, sondern grau-braun-schwarz und fettig naß. Überschwenglich begrüßen und pflücken wir deshalb im Wald die ersten Buschwindröschen, die sich trotzig durch verfaultes Laub und verdorrtes Gestrüpp drängen. Nicht nur der sehr lange auf sich warten lassende Frühling, sondern auch die darin eingebettete sechswöchige christliche Fastenzeit zieht sich besonders für uns Kinder in unerträgliche Länge.

Auch im Gotteshaus sieht es trostlos aus. Nach entferntem Weihnachtsschmuck bleiben Vasen und Kerzenständer leer in der Sakristei stehen. Priester und Ministranten tragen violette Gewänder, alle Altäre sind violett eingedeckt. Ab Aschermittwoch gedenkt das Christenvolk seiner Vergänglichkeit, betet und sühnt vierzig Tage lang. Aber heute ist "Sonntag Laetare"! - vierter Fastensonntag, einer der aus der Rolle fallen darf - auf deutsch "Sonntag der Freude". Die ernste Bußzeit darf und soll unterbrochen werden. Schon beim Einzug der Meßdiener und des Pfarrers darf Papas Orgel laut und fröhlich erklingen. Die rosa Gewänder der Diener am Altar, die heute erlaubten Blumen und brennenden Kerzen erhellen das Gemüt. Das Evangelium erzählt von der "Wunderbaren Brotvermehrung" auf dem Berg Tabgah am See Genezareth.
"Laetare Jerusalem, et conventum facite, omnes qui diligitis eam…", beten wir heute als Introitus = Eingangslied im Gottesdienst. Mit Hilfe meines Schotts, der parallel zu unserer lateinischen Kirchensprache die deutsche Übersetzung gibt, kann ich die frohen Verse begreifen:
"… froh überlaßt euch der Freude, die ihr traurig waret; frohlocken sollet ihr und satt euch trinken an der Tröstung Überfülle, die euch quillt. Wie freute ich mich, da man mir sagte ‚Wir ziehen zum Hause des Herrn.'" Mitten in der langen Fastenzeit klingt hier wunderbar die Vorfreude des Christen auf das Osterfest. Für das Kind, das ja mehr in der Gegenwart lebt als in der Zukunft, zieht sich diese Meßfeier viel zu lange hin. Seine Gedanken sind bei der Sommerrute, die zu Hause im Flur wartet.

Unsere ganze Clique von Nachbarkindern hat sich schon abgesprochen: Gleich nach dem Mittagessen geht's los zum "Sommer-Ansingen". Natürlich ist der Sommer noch weit, gemeint ist eher der langersehnte Frühling. Um ihn herauszulocken, haben wir "Summer-Steckla" gebastelt. Das sind verschieden lange Stöcke - je nach Größe des Kindes, das es tragen muß -, umwunden mit langen bunten Schlangen aus Kreppapier. Am Kopfende ziert ihn ein Blütenstrauß aus gedrahteten Papierblättern, rund um diese Blüte oder Krone flattern lose lange Papierbänder im Wind. Warm vermummt mit Pudelmütze und Fausthandschuhen, über der Schulter den kleinen Bettelsack aus Bettuchleinen genäht, wandert die Dorfjugend in kleinen Gruppen von Haus zu Haus. Die "Summersteckla" schwingend, bleiben wir vor jeder Tür stehen und stimmen unsere Lieder an:

Summer, Summer, Summer,
Sommer, Sommer, Sommer,
ich bin a kleener Pummer,
ich bin ein kleiner Pummer,
ich bin a kleener Keenich,
ich bin ein kleiner König,
gabt mehr nich zu weenich,
gebt mir nicht zu wenig,
lußt mich nich zu lange stiehn,
laßt mich nicht zu lange stehn,
ich muß a Heisla weitergiehn,
ich muß ein Häuslein weitergehn!

Ließ man uns trotzdem noch warten, folgte das eindringlichere Lied:

Ruutgewand, Ruutgewand,
Rotgewand, Rotgewand,
scheene, griene Linden, schöne, grüne Linden,
sucha mir, sucha mir,
suchen wir, suchen wir,
wu ma etwas finden,
wo wir etwas finden.
Giehn mer ei dann griena Wald,
gehen wir in den grünen Wald,
do singa die Vegla jung und alt.
Da singen die Vöglein jung und alt.
Sie singa mit schiener Stimme,
sie singen mit schöner Stimme,
Fro Wirtin, sein Se drinne?
Frau Wirtin, sind Sie drinne?
Sein Se drinna, su kumma Se raus.
Sind Sie drin, so kommen Sie raus
und teeln Se uns die Goba aus!
und teilen Sie uns die Gaben aus!

Endlich erscheint dann die Hausfrau mit ihrem Gabenkorb und verteilt Wasserbrezeln und Eier. Es gab auch ein Danklied, das ich nur bruchstückhaft erinnere:

Rute, rute Rusa
Blieha uffm Stengl,
der Herr is schien,
der Herr is schien,
die Fro is wie a Engel!

Rote, rote Rosen
Blühen auf dem Stengel,
der Herr ist schön,
der Herr ist schön,
die Frau ist wie ein Engel!

Natürlich gab's auch ein Schmählied, wenn den Kindern die Haustür nicht geöffnet wurde. Dann plärrten wir aus voller Kehle:

Hinnermist, Taubamist,
ei dam Hause kriggt ma nischt!
Is dos nich ne Schande
ei dam ganze Lande?

Hühnermist, Taubenmist,
in diesem Hause kriegt man nichts!
Ist das nicht eine Schande
in dem ganzen Lande?

Natürlich handelt es sich bei diesem Sommer-Ansingen um die Reste eines heidnischen Brauches. Der Winter sollte vertrieben werden. In früheren Zeiten soll er sogar in Gestalt der Strohpuppen auf einen Hügel geschleppt, angezündet und bergab gerollt worden sein. So sollte dem Winter symbolisch der Garaus gemacht werden.

Aus: Barbara Hein-Weismantel, Heilende Erinnerungen, Laumann Verlag 2002, erhältlich im Shop

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