Laetare und Summerstecka von Bärbel Hein-Weismantel
Auch im Gotteshaus sieht es trostlos aus. Nach entferntem Weihnachtsschmuck bleiben Vasen und Kerzenständer leer in der Sakristei stehen. Priester und Ministranten tragen violette Gewänder, alle Altäre sind violett eingedeckt. Ab Aschermittwoch gedenkt das Christenvolk seiner Vergänglichkeit, betet und sühnt vierzig Tage lang.
Aber heute ist "Sonntag Laetare"! - vierter Fastensonntag, einer der aus der Rolle fallen darf - auf deutsch "Sonntag der Freude". Die ernste Bußzeit darf und soll unterbrochen werden. Schon beim Einzug der Meßdiener und des Pfarrers darf Papas Orgel laut und fröhlich erklingen. Die rosa Gewänder der Diener am Altar, die heute erlaubten Blumen und brennenden Kerzen erhellen das Gemüt. Das Evangelium erzählt von der "Wunderbaren Brotvermehrung" auf dem Berg Tabgah am See Genezareth. Unsere ganze Clique von Nachbarkindern hat sich schon abgesprochen: Gleich nach dem Mittagessen geht's los zum "Sommer-Ansingen". Natürlich ist der Sommer noch weit, gemeint ist eher der langersehnte Frühling. Um ihn herauszulocken, haben wir "Summer-Steckla" gebastelt. Das sind verschieden lange Stöcke - je nach Größe des Kindes, das es tragen muß -, umwunden mit langen bunten Schlangen aus Kreppapier. Am Kopfende ziert ihn ein Blütenstrauß aus gedrahteten Papierblättern, rund um diese Blüte oder Krone flattern lose lange Papierbänder im Wind. Warm vermummt mit Pudelmütze und Fausthandschuhen, über der Schulter den kleinen Bettelsack aus Bettuchleinen genäht, wandert die Dorfjugend in kleinen Gruppen von Haus zu Haus. Die "Summersteckla" schwingend, bleiben wir vor jeder Tür stehen und stimmen unsere Lieder an:
Summer, Summer, Summer, Ließ man uns trotzdem noch warten, folgte das eindringlichere Lied:
Ruutgewand, Ruutgewand, Endlich erscheint dann die Hausfrau mit ihrem Gabenkorb und verteilt Wasserbrezeln und Eier. Es gab auch ein Danklied, das ich nur bruchstückhaft erinnere:
Rute, rute Rusa
Rote, rote Rosen Natürlich gab's auch ein Schmählied, wenn den Kindern die Haustür nicht geöffnet wurde. Dann plärrten wir aus voller Kehle:
Hinnermist, Taubamist,
Hühnermist, Taubenmist, Natürlich handelt es sich bei diesem Sommer-Ansingen um die Reste eines heidnischen Brauches. Der Winter sollte vertrieben werden. In früheren Zeiten soll er sogar in Gestalt der Strohpuppen auf einen Hügel geschleppt, angezündet und bergab gerollt worden sein. So sollte dem Winter symbolisch der Garaus gemacht werden. Aus: Barbara Hein-Weismantel, Heilende Erinnerungen, Laumann Verlag 2002, erhältlich im Shop |