Eine niedersächsische Ohrfeige

Jahrelang habe ich mir regelmäßig "Slask" gekauft. Irgendwann war ich es dann aber endgültig leid. Immer wieder nur lesen zu müssen, daß Schlesien zum Mutterland zurückkehrte; daß Schlesien nach jahrhundertlanger Fremdherrschaft "wiedergewonnen" wurde; daß die Aufstände heroische Taten waren, die von den Schlesiern vollführt worden waren, nachdem sie ihr Polentum wiederentdeckten. Diesem Wortgeschwall aus einer Mischung von Einseitigkeit, Mythenbildung und Altbekanntem von Phrasendrescherei war auf der Dauer nicht standzuhalten.

Nun wird der Herausgeber der Zeitschrift mit dem Schlesischen Kulturpreis 2005 des Bundeslandes Niedersachsen und 4.000 Euro belohnt. Ausgerechnet jener Schriftsteller Tadeusz Kijonka wird im September diesen deutschen Preis entgegennehmen. Ausgerechnet er, der nach Möglichkeit alles unternimmt, um in seinen Texten bloß die Wörter "deutsch" oder "Deutscher" zu vermeiden. Und wenn er diese nationalen Zuordnungen dennoch gebrauchen muß - dann kommt nichts Gutes dabei heraus. Michal Smolorz hat erst unlängst in der "Gazeta Wyborcza" und in dieser Zeitung die Katze aus dem Sack des Vorsitzenden der "Oberschlesischen Literaturgesellschaft" gelassen: "Die Hauptquelle des Widerstands gegen die ‚neue Germanisierungswelle' ist seit Jahren die Oberschlesische Literaturgesellschaft, die sich obendrein als Wächter der einzig richtigen Staatsraison versteht. An der Spitze dieses Vereins steht seit Jahren ein Kattowitzer Dichter und Chefredakteur einiger Off-Zeitschriften, ehemaliger langjähriger Abgeordnete des kommunistischen Parlaments, Tadeusz Kijonka. Selbst seine nächsten Mitarbeiter scherzen: ‚Tadeusz, komm aus dem Schützengraben heraus, der Krieg ist vor 60 Jahren zu Ende gegangen'".

Kijonka gehört zu jenen in Schlesien, die der von ihnen als ‚neue Germanisierungswelle' bezeichnete Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart nichts abgewinnen können. Junge Historiker und Journalisten, die sich nicht einfach mehr nur "fügsam" verhalten, sind ihnen suspekt. Sie passen nicht in ihr überkommenes Weltbild, in welchem zwischen Schlesier und Polentum ein Gleichheitszeichen steht. Noch gut muß man sich an jenen Aufsatz erinnern, den Kijonka in "Slask" veröffentlichte, und in welchen er einen der umstrittensten Oberschlesier des 20. Jahrhunderts überaus wohlwollend porträtierte. An diesem Text wird die mangelnde Fähigkeit zur kritischen Reflexion deutlich. Daß diese porträtierte Person die Vertreibung eines Großteils der Oberschlesier und die fatale "Entdeutschung" unserer Region mitorganisierte - und an dessen Händen Blut klebt - wird bis ins Lächerliche totgeschwiegen.

Ein deutsch-polnisches Miteinander existiert nicht im Werk Kijonkas. Er setzt die Industrialisierung Oberschlesiens mit "Germanisierung" gleich, verhöhnt jene Oberschlesier, die sich zu ihrem Deutschsein bekennen, attackiert Historiker, die sich der Wahrheitsfindung verschrieben haben und Mythen enttarnen, er setzt das Wort Vertreibung in Anführungszeichen, wenn er von den deutschen Vertriebenen schreibt - das reicht offenbar, um in Deutschland mit Preisen bedacht zu werden.

In der Jury-Begründung ist zu lesen: "In vielen seiner Werke setzt sich Kijonka mit der schlesischen Thematik auseinander. Er spricht die ältere und jüngere Vergangenheit dieser Region sowie ihre kulturelle und ethnische Identität an." Kulturelle Identität? Ethnische Identität? Vergangenheit dieser Region? Die Art und Weise der Auseinandersetzung scheint bei der Entscheidung über die Preisvergabe offenbar nur von mikroskopisch-großem Einfluß gewesen zu sein.

Für den Schlesischen Kulturpreis ist es das Todesurteil. Für diejenigen, die sich um Wahrheit, Toleranz und Miteinander in Oberschlesien bemühen, gleicht die Entscheidung der deutsch-polnischen Jury einer Ohrfeige.

MANFRED BUCHTA (OS) Quelle: Oberschlesien (Sankt Annaberg/Görlitz), Nr. 1 v. 10. Januar 2005, S. 6

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