Tomasz Kamusella Umgeben von Eiseskälte
Ein Besuch bei Tomasz Kamusella, Autor von "Glosariusz regionalny"

Tomasz Kamusella und sein Buch "Glosariusz regionalny" sorgten in ganz Polen vor fünf Monaten für große Schlagzeilen. Fast parallel zur Groß Strehlitzer Adler-Affäre und zur Diskussion um die Symbolik auf deutschen Denkmälern rief diese Publikation eine ungewohnt heftige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit hervor.
Der angegriffene Oppelner Wissenschaftler selbst bekam in den Medien allerdings kaum eine Chance, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Eva Czeczor ("Unser Oberschlesien")besuchte Tomasz Kamusella und sprach mit ihm.

Lange vor seinem wissenschaftlichen Gastspiel in den USA kam er auf die Idee, ein Glossar über die Woiwodschaft Oppeln zu bearbeiten. Kamusella wollte mit dieser kompakten und dreisprachigen Publikation Beamten, Übersetzern und Kommunen helfen. Oft genug gab es Probleme bei Kontakten mit ausländischen Partnern und Behörden, weil Übersetzungen zum Teil unpräzise formuliert waren.
"Wenn ich gewußt hätte, welche Konsequenzen für mein Leben diese Publikation mit sich bringt, hätte ich das Material nicht einfach so aus den Händen gegeben", sagt Tomasz Kamusella heute. Es wundert den Autor, daß zur damaligen Zeit weder die Marschällin Ewa Olszewska noch der Vizemarschall aus den Reihen der Fraktion "Deutsche Minderheit" im Sejmik, Ryszard Galla, irgendwelche Einwände gegen den Inhalt seines Manuskriptes hatten, obgleich nach der Veröffentlichung des Glossars im Mai gerade Galla sogar die Verbrennung des Buches forderte und sich der Kritik des Nationalisten und antideutschen Regionalpolitikers Jerzy Czerwinski anschloß.

Die Hetze gegen das Buch und den Autor begann am 7. Mai, nachdem der rechtsradikale Sejmabgeordnete Jerzy Czerwinski in Oppeln eine Pressekonferenz einberief. Dieser Politiker, der sich durch eine antideutsche Phobie auszeichnet, wiederholte inzwischen mehrmals in der Öffentlichkeit, daß er nicht deswegen Sejmabgeordneter geworden sei, um mit den Deutschen zu "kollaborieren".

Mit dem gerade einmal 128 Seiten zählenden "Glosariusz regionalny" gelang es dem gewieften Oppelner Politiker eine Woche nach dem EU-Beitritt Polens wieder einmal, effektvoll den Weg in die Öffentlichkeit zu finden. Der historisch-statistische Anhang, in dem Kamusella die Regionalgeschichte chronologisch aufgelistet hat, hatte es Czerwinski besonders angetan. Hier heißt es: "Preußen mit Schlesien im Deutschen Bund 1815 - 1866"
"Preußen mit Schlesien im Deutschen Zollbund 1834 - 1867"
"Preußen mit Schlesien im Norddeutschen Bund 1866 - 1871" (...)
"Ganz Oberschlesien und größter Teil Niederschlesiens an Polen angeschlossen 1945 - "
"Schlesien als Teil der unter vorläufiger polnischer und sowjetischer Verwaltung stehenden Ostgebiete Deutschlands 1945 - 1991"
"Gebiet der Woiwodschaft Oppeln Teil der sog. Woiwodschaft Schlesien-Dabrowa 1945 - 1950" (...)
"Woiwodschaft Oppeln in PRL 1952 - 1989" (...)
"Polen mit Woiwodschaft Oppeln im Warschauer Pakt 1945 - 1991"
"Woiwodschaft Oppeln in Republik Polen 1989 - " (...)

Der eigentliche Aufhänger für die Kampagne gegen das Glossar war der Punkt 26 auf Seite 117 im historischen Anhang. Hier heißt es: "Schlesien als Teil der unter polnischer und sowjetischer Verwaltung stehenden Ostgebiete Deutschlands, 1945 - 91". Im Punkt 25 schreibt Kamusella aber auch, daß ganz Oberschlesien und der Großteil Niederschlesiens ein Teil Polens seien, seit 1945. Damit formulierte der Linguist nur das, was international zur deutsch-polnischen Grenzfrage anerkannt ist. Dennoch brach ein Sturm der Entrüstung los. Das Buch verletze die polnische Verfassung. Kamusella wurde in den Medien gerichtet, von verantwortungslosen Politikern verurteilt und von den Wissenschaftskollegen der veröffentlichten Meinung geopfert. Sogar die Vertreter der deutschen Minderheit verurteilten das Buch, was nun wirklich nicht zu erwarten gewesen wäre, zumal die Kreise um Kroll und um Czerwinski selten einer Meinung sind.

Das Marschallamt, das offiziell als Mitherausgeber fungierte, hatte sich von der Veröffentlichung noch am 7. Mai distanziert und den Verlag aufgefordert, die gedruckten Exemplare sofort zu vernichten. Marschall Grzegorz Kubat (SLD) äußerte sich in der "Gazeta Wyborcza", daß er beim Lesen des "skandalösen" Buches habe "brechen" müssen. Vize-Marschall Ryszard Galla forderte in der "Gazeta Wyborcza" gar: "Verbrennen Sie das!" Der 7. Mai, so Galla theatralisch in der "Nowa Trybuna Opolska", sei "der schwärzeste Tag" in seiner politischen Karriere...

"Niemand suchte ernsthaft Kontakt mit mir", beklagt er sich. "Meine Stellungnahmen wurden in der Presse entweder gar nicht oder total unvollständig abgedruckt, was eigentlich gegen das polnische Presserecht verstößt." Kamusella hat sich bei Anwälten erkundigt, könnte auch vors Gericht ziehen. Aber macht es einen Sinn, wenn diffamierende Artikel in über 20 Zeitungen erschienen sind? Um Anwälte einzuschalten und Gerichtsverfahren einzuleiten, bräuchte er außerdem viel Geld und Nerven, was er im Moment nicht hat.

Niemand hat Solidarität mit dem Wissenschaftler gezeigt, weder Politiker noch Intelektuelle. Das hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Nicht einmal Kollegen von der Universität Oppeln haben für ihn Partei ergriffen. Manche sprachen ihm die wissenschaftliche Eignung ab.

"Im Endeffekt nehme ich es den Leuten nicht übel, daß niemand mich verteidigt hat." Kamusella sagt, daß es ja nicht nur um ihn gegangen sein, sondern um die Redefreiheit in einem demokratischen Land, für die niemand gekämpft hatte. "Keiner ist aufgestanden und zeigte Zivilcourage. Ich wurde weder angeklagt, noch vors Gericht gestellt. Trotzdem werde ich wie ein Verbrecher behandelt, obwohl ich kein Verbrechen begangen habe."

Rechtlich gesehen ist das Buch, laut Tomasz Kamusella, illegal veröffentlicht worden. Der Verleger Roman Hlawacz hat mit ihm keinen Vertrag geschlossen. Offenbar wollte er zum EU-Beitritt des Landes den ganz großen Clou landen. Aber Kamusella erhielt weder Autorenexemplare, noch eine Entlohnung für seine Arbeit. Das gleiche gilt auch für die beiden Übersetzer Klaudia Kandzia und Till Scholz-Knobloch. Zudem wurden beide um ihre Übersetzungsrechte beraubt.

Die Folgen der Diffamierungskampagne gehen auch an der Familie des europaweit als oberschlesischer Linguist geachteten Wissenschaftlers nicht spurlos vorüber. Die Affäre bekommt sie bis heute schmerzhaft zu spüren.
Tomasz Kamusella ist niedergeschlagen und fühlt sich arg hintergangen. Dennoch wird er versuchen, mit den Menschen, die ihn verleumdet haben, das Gespräch zu suchen. Er möchte, daß die Medien auch ihn aussprechen lassen, damit die Sache an Objektivität gewinnt. Schließlich geht es auch um seine existentielle Zukunft. Wird er aber Gehör finden? Wer traut sich zu sagen, daß ihm Unrecht getan wurde? Auf seine Rehabilitierung wird er wohl lange warten müssen. Bisher hat sich keiner seiner Kritiker bei ihm entschuldigt.

Näheres zu dieser Auseinandersetzung um das Buch in "Unser Oberschlesien"(UO) 9/04, S. 5 ("Verbrennen Sie das Buch!") ; UO 10/04, S. 5 ("Uni Oppeln distanziert sich von Kamusella"); UO 11/04, S.9 ("'Corpus delicti'. Auszug aus dem ‚Glosariusz regionalny'"; deutsch und polnisch).

Dieser Beitrag wurde gekürzt entnommen aus der aktuellen Ausgabe von "Unser Oberschlesien" Nr. 20/2004.

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